Von Leinen bis Recyclingpolyester: Wie sich Textilfasern über die Jahrzehnte gewandelt haben
Flachs und Hanf vom eigenen Feld, Baumwolle aus Übersee, Kunstfasern aus dem Labor: Eine kleine Geschichte der Fasern in Deutschland – und warum Naturfasern heute ein Comeback erleben.
Redaktion Öko-Anbau5 Min.

Was wir tragen, hat sich in den vergangenen hundert Jahren grundlegend verändert. Aus heimischen Naturfasern wurden Importbaumwolle und schließlich Kunstfasern aus Erdöl. Heute kehren Flachs und Hanf auf die Felder zurück. Ein Streifzug durch die Fasergeschichte.
Ein Kleiderschrank ist ein kleines Archiv der Materialgeschichte. Die Leinentischdecke der Großmutter, ein Wollpullover aus den Siebzigern, das Funktionsshirt aus Polyester und die neue Jacke aus Recyclingfasern stehen für unterschiedliche Epochen und für unterschiedliche Formen, wie Landwirtschaft, Industrie und Konsum zusammenhängen. Wer verstehen will, warum Naturfasern heute wieder gefragt sind, muss zurückschauen.
Als die Kleidung vom eigenen Feld kam
Bis ins 19. Jahrhundert waren Flachs und Wolle die wichtigsten Textilrohstoffe in Mitteleuropa. Flachs, auch Lein genannt, wurde auf vielen Höfen angebaut, geröstet, gebrochen, gehechelt und zu Leinen versponnen. Das Material war robust, kühl auf der Haut und hielt über Generationen; Aussteuertruhen voller Leinen galten als Vermögen. Hanf lieferte gröbere Fasern für Seile, Säcke und Arbeitskleidung. Schafwolle wärmte im Winter.
Diese Fasern hatten einen gemeinsamen Vorteil, den man erst heute wieder schätzt: Sie wuchsen in der Region, brauchten keine langen Transportwege und wurden nach ihrer Zeit als Kleidung als Lumpen weiterverarbeitet, etwa zu Papier.
Der Siegeszug der Baumwolle
Mit der Industrialisierung änderte sich das grundlegend. Mechanische Spinnereien und Webereien verarbeiteten Baumwolle schneller und billiger als heimischen Flachs. Die Rohfaser kam aus Übersee, angebaut unter teils brutalen Arbeitsbedingungen. Leinen wurde zum Luxus- oder Nischenprodukt, der Flachsanbau in Deutschland ging stark zurück. Baumwolle wurde zur Alltagsfaser schlechthin, für Hemden, Unterwäsche, Bettwäsche und lange Zeit auch für Sportbekleidung.
Die Ära der Kunstfasern
Im 20. Jahrhundert folgten zwei neue Fasergruppen. Zuerst kamen die Regeneratfasern wie Viskose, die aus der Zellulose von Holz gewonnen werden. Dann entstanden vollsynthetische Fasern aus Erdöl: In den späten 1930er-Jahren wurden Nylon in den USA und Perlon in Deutschland entwickelt, in den 1940er-Jahren folgte Polyester.
In den Nachkriegsjahrzehnten eroberten diese Materialien die Kleiderschränke. Nylonstrümpfe, bügelfreie Hemden und pflegeleichte Mischgewebe galten als modern und praktisch. Polyester knittert wenig, trocknet schnell und ist günstig herzustellen. Auch im Sport setzten sich synthetische Stoffe allmählich durch, weil sie leichter sind und sich mit Schweiß nicht so vollsaugen wie Baumwolle oder Wolle.
Sportbekleidung als Spiegel des Wandels
Fußballtrikots zeigen diese Entwicklung besonders anschaulich. Frühe Trikots bestanden aus Baumwolle oder Wolle, waren schwer und wurden bei Regen noch schwerer. Im Lauf der Jahrzehnte setzten sich synthetische Gewebe durch, später kamen Funktionsstoffe mit speziellen Strukturen für den Feuchtigkeitstransport hinzu. Heute bringen viele Vereine in jeder Saison mehrere neue Modelle heraus: Heim, Auswärts, Torwart, dazu Sondereditionen.
Wie schnell die Jahrgänge wechseln, zeigt etwa eine Trikot-Chronik der Jahrgänge 24/25 bis 26/27 beim TSV 1860 München. Sie ordnet die Modelle nach Saisons und hält fest, welche davon inzwischen vergriffen sind. Für die Fasergeschichte ist das ein Lehrstück: Je kürzer der Modellzyklus, desto größer die Bedeutung von Haltbarkeit und Weiternutzung.
Die Schattenseiten der Synthetik
Spätestens seit den 1990er-Jahren rückten die Nachteile stärker in den Blick. Kunstfasern basieren auf fossilen Rohstoffen, sind biologisch kaum abbaubar und setzen in der Waschmaschine Mikroplastik frei. Mit dem Aufstieg schnell wechselnder Billigmode wuchs zudem die Menge an Kleidung, die nach kurzer Nutzung entsorgt wird. Recyceltes Polyester aus PET-Flaschen gilt als ein Teil der Antwort, löst aber das Grundproblem kurzer Nutzungsdauer nicht.
Rückkehr der heimischen Naturfasern
Parallel dazu erleben alte Kulturpflanzen ein Comeback. Der Hanfanbau war in der Bundesrepublik Anfang der 1980er-Jahre verboten worden, seit 1996 ist der Anbau von Nutzhanfsorten mit sehr geringem THC-Gehalt wieder erlaubt. Hanf wächst schnell, beschattet Unkraut, kommt mit wenig Pflanzenschutz aus und hinterlässt einen gut durchwurzelten Boden. Das macht ihn für ökologische Fruchtfolgen interessant.
Auch Flachs wird wieder angebaut, wenngleich in kleinem Umfang. Der Schwerpunkt des europäischen Faserleinanbaus liegt heute in Nordfrankreich, Belgien und den Niederlanden. In Deutschland arbeiten kleinere Initiativen daran, Anbau und Verarbeitung wieder aufzubauen. Die größte Hürde ist oft nicht das Feld, sondern die fehlende Infrastruktur für Röste, Schwingen und Spinnen.
Neue Fasern aus Reststoffen
Neben den alten Kulturpflanzen entstehen neue Ansätze. Forschungseinrichtungen und Start-ups arbeiten an Fasern aus Agrarreststoffen wie Stroh, an Zellulose aus Alttextilien oder an Verfahren, die Baumwoll-Polyester-Mischungen wieder in ihre Bestandteile zerlegen. Viele dieser Verfahren stehen noch am Anfang. Sie zeigen aber, dass die Fasergeschichte nicht abgeschlossen ist und die Landwirtschaft darin wieder eine größere Rolle spielen könnte.
Was Verbraucher daraus mitnehmen können
Die Fasergeschichte zeigt, dass es keine perfekte Faser gibt. Naturfasern sind erneuerbar und abbaubar, aber auch ihr Anbau braucht Fläche, Wasser und je nach Kultur Pflanzenschutz. Kunstfasern sind haltbar und funktional, aber fossil und schwer zu recyceln. Eine Orientierung bieten drei Fragen: Woher kommt die Faser? Wie lange werde ich das Stück tragen? Und was passiert danach damit?
Häufige Fragen
Seit wann gibt es Polyester?
Polyesterfasern wurden in den 1940er-Jahren entwickelt und setzten sich in den Nachkriegsjahrzehnten in der Bekleidung durch.
Warum wird in Deutschland wieder Hanf angebaut?
Seit 1996 sind Nutzhanfsorten wieder zugelassen. Hanf gilt als robuste, pflegeleichte Kultur und liefert Fasern, Samen und Öl.
Ist Leinen nachhaltiger als Baumwolle?
Flachs kommt im Anbau meist mit weniger Wasser und Pflanzenschutz aus als konventionelle Baumwolle und kann in Europa wachsen. Die Verarbeitung ist allerdings aufwendiger.