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Anbau

Traktor statt Pferd: Landwirtschaft rund um München in den 1960er-Jahren

Mechanisierung, Mineraldünger, Flurbereinigung und eine wachsende Stadt: Wie sich die Höfe im Münchner Umland in einem Jahrzehnt veränderten – und welche Fragen davon bis zum Ökolandbau von heute reichen.

Redaktion Öko-Anbau5 Min.

Terrassierte Felder in einer Landwirtschaftslandschaft

Die 1960er waren für die Landwirtschaft im Münchner Umland ein Jahrzehnt des Umbruchs. Maschinen ersetzten Zugtiere, Felder wurden zusammengelegt, die Stadt wuchs ins Land hinaus. Ein Blick zurück, der hilft, den heutigen Ökolandbau zu verstehen.

Wer heute von München aus in Richtung Erding, Dachau oder Freising fährt, sieht große, zusammenhängende Felder, Maisflächen, Gewerbegebiete und Neubausiedlungen. Vieles an diesem Bild ist in einem einzigen Jahrzehnt entstanden. In den 1960er-Jahren veränderte sich die Landwirtschaft rund um die Stadt schneller als in den Generationen davor. Ein Rückblick zeigt, wie eng technische Neuerungen, Politik und Stadtentwicklung damals zusammenhingen und warum der ökologische Landbau später genau an diesen Entwicklungen ansetzte.

Ein Umland zwischen Moos und Schotterebene

Das Münchner Umland ist landwirtschaftlich keine Einheit. Nördlich der Stadt liegen das Dachauer und das Erdinger Moos, ehemals ausgedehnte Niedermoore, die über lange Zeit entwässert und urbar gemacht wurden. Die Münchner Schotterebene mit ihren durchlässigen, oft flachgründigen Böden prägt große Teile im Osten und Süden. Weiter südlich beginnt das Voralpenland mit Grünland und Milchviehhaltung, im Norden schließt sich das Tertiärhügelland mit der Hallertau an, dem bekannten Hopfenanbaugebiet.

Diese Vielfalt bestimmte, was angebaut wurde: Getreide, Kartoffeln und Futterrüben auf den Ackerböden, Milch und Rindfleisch im Süden, Gemüse in Stadtnähe für die Märkte der Großstadt.

Vom Zugtier zum Traktor

Der sichtbarste Wandel war die Mechanisierung. Noch in den 1950er-Jahren zogen auf vielen kleineren Höfen Pferde oder Kühe Pflug und Wagen. Im Laufe der 1960er setzte sich der Traktor fast überall durch, dazu kamen Mähdrescher, Ladewagen und Melkmaschinen. Arbeiten, für die früher die ganze Familie und zusätzliche Erntehelfer gebraucht wurden, erledigten nun wenige Menschen mit Maschinen.

Das hatte Folgen über den Hof hinaus. Wer keine Zugtiere mehr hielt, brauchte weniger Futterflächen und Weiden. Arbeitskräfte wanderten in die wachsenden Betriebe und Behörden der Stadt ab. Und Maschinen lohnen sich auf großen Flächen mehr als auf kleinen, ein Druck, der den nächsten Wandel beschleunigte.

Flurbereinigung: große Schläge, weniger Hecken

Viele bayerische Dörfer hatten über Jahrhunderte zersplitterte Fluren mit schmalen, weit verstreuten Feldstücken. Die Flurbereinigung legte diese Parzellen zusammen, baute Feldwege und ordnete die Entwässerung neu. Für die Betriebe brachte das spürbare Arbeitserleichterungen.

Aus heutiger Sicht hatte die Neuordnung auch eine Kehrseite. Hecken, Raine, Feldgehölze und kleine Feuchtflächen verschwanden vielerorts, Bäche wurden begradigt. Damit gingen Lebensräume für Vögel, Insekten und Wildpflanzen verloren, und offene Flächen wurden anfälliger für Erosion durch Wind und Wasser. Spätere Verfahren haben deshalb stärker auf ökologische Ausgleichsflächen geachtet.

Mineraldünger und Pflanzenschutz werden Alltag

Parallel stiegen die Erträge. Neue Getreidesorten, synthetische Stickstoffdünger und chemische Pflanzenschutzmittel machten es möglich, auf derselben Fläche deutlich mehr zu ernten. Die gemeinsame Agrarpolitik der jungen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft stützte diese Entwicklung mit garantierten Preisen für wichtige Erzeugnisse. Produktivität war das Leitbild einer Zeit, die sich noch gut an den Mangel der Nachkriegsjahre erinnerte.

Die Nebenwirkungen wurden erst nach und nach diskutiert: Nitrat im Grundwasser, Rückstände von Pflanzenschutzmitteln, verarmte Fruchtfolgen. Gerade die durchlässigen Böden der Schotterebene machen das Grundwasser dort besonders empfindlich, ein Thema, das die Region bis heute beschäftigt.

Die Stadt wächst ins Land

München wuchs in den 1960er-Jahren kräftig. Neue Wohnviertel entstanden am Stadtrand, Straßen und Gewerbeflächen folgten. Mit der Vergabe der Olympischen Sommerspiele 1972 an München, die 1966 beschlossen wurde, bekam der Ausbau von Verkehrswegen und Infrastruktur zusätzlichen Schwung. Für viele Bauernfamilien am Stadtrand veränderte sich damit die Lebensgrundlage: Ackerland wurde Bauland, manche Höfe gaben auf, andere spezialisierten sich auf den Verkauf direkt an die Stadtbevölkerung.

Dasselbe Jahr 1966 ist in München auch aus einem sportlichen Grund in Erinnerung geblieben: Der TSV 1860 München wurde Deutscher Meister. Die Mannschaft spielte in einer Stadt, deren Umland gerade im Umbruch war. Wer sich für diese Elf interessiert, findet auf einer eigenen Seite das Heritage-Trikot zur Meisterelf von 1966, in dessen Stoff die Namen der damaligen Spieler eingewebt sind.

Erste Gegenbewegungen

Nicht alle folgten dem Leitbild der Intensivierung. Der biologisch-dynamische Landbau existierte bereits seit den 1920er-Jahren, und in der Schweiz und in Süddeutschland entwickelte sich nach dem Krieg der organisch-biologische Landbau. Die Zahl dieser Betriebe blieb in den 1960ern klein, doch die Fragen, die sie stellten, gewannen an Gewicht: Wie bleibt ein Boden fruchtbar ohne immer mehr Mineraldünger? Wie lässt sich Pflanzenschutz über Fruchtfolge und Vielfalt statt über Chemie organisieren? Ab den 1970er-Jahren entstanden die großen Anbauverbände, aus denen der heutige Ökolandbau in Deutschland hervorging.

Was davon heute zählt

Viele Aufgaben des ökologischen Landbaus im Münchner Umland sind Antworten auf die 1960er-Jahre: Hecken und Blühstreifen neu anlegen, Moorböden wieder vernässen, Fruchtfolgen erweitern, Grundwasser schützen. Die damalige Arbeitserleichterung ist dabei nicht rückgängig zu machen und soll es auch nicht sein. Moderne Ökobetriebe arbeiten mit Maschinen, nutzen aber Wissen über Bodenleben und Artenvielfalt, das damals vielerorts verloren ging.

Häufige Fragen

Wann setzte sich der Traktor in Bayern durch?

Auf vielen Höfen im Laufe der 1950er- und 1960er-Jahre. Kleinere Betriebe hielten teilweise noch länger an Zugtieren fest.

Was war das Ziel der Flurbereinigung?

Verstreute Feldstücke zusammenzulegen, Wege zu bauen und die Bewirtschaftung mit Maschinen zu erleichtern. Heute werden dabei auch Naturschutz und Wasserrückhalt berücksichtigt.

Gab es in den 1960ern schon Bio-Landwirtschaft?

Ja, aber nur in wenigen Betrieben, vor allem biologisch-dynamisch oder organisch-biologisch. Die großen Anbauverbände entstanden erst ab den 1970er-Jahren.

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